Fundstücke: Das (fast) verschollene Andreas Eschbach Interview


 

Beim Sichten alter Photos und Negative fiel mir kürzlich dieses Bild wieder in die Hände. Es zeigt Andreas Eschbach beim Signieren von Büchern nach einer Lesung in der Buchhandlung Welsch in Homburg (Saar) im Oktober des Jahres 2001. Kein überragendes Photo und wenn mich meine Erinnerung nicht trübt, wurde es auch nie für seinen ursprünglich angedachten Zweck verwendet, nämlich zur Illustration eines Artikels in der NAUTILUS.

 

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Andreas Eschbach signiert in Homburg, Oktober 2001

Damals, zu Beginn der 2000er, hegte ich noch hin und wieder die Hoffnung eines Tages vielleicht vom Schreiben leben zu können und suchte nach Möglichkeiten, einen “Fuß in die Tür” zu bekommen. Ein paar Jahre zuvor hatte ich ein Interview mit Jürgen und Elsa Franke geführt, das für die Veröffentlichung im Magazin NAUTILUS vorgesehen war. Allerdings machte die Zeitschrift damals eine längere Pause und nach ihrem Neustart passte der Text nicht mehr so ganz ins Programm. Als ich jedoch sah, dass Andreas Eschbach im Rahmen einer Lesereise für seinen Roman Eine Billion Dollar Station in meiner alten Stammbuchhandlung in Homburg machen würde, kam mir diese Beinahe-Zusammenarbeit zugute. Ich fragte bei Jürgen Pirner von der NAUTILUS nach, ob denn Interesse an einem Interview mit Herrn Eschbach bestünde. Jürgen erinnerte sich wohl noch an mich und sagte ja. Anschließend kontaktierte ich Herrn Eschbach, ich glaube sogar noch direkt über seine Website, und nicht etwa über seinen Verlag oder Agenten. Andreas Eschbach sagte freundlicherweise sofort zu, und schließlich musste ich nur noch die Zustimmung der Buchhandlung bekommen.

Ich kann nicht behaupten, Herrn Welsch, einen der Besitzer der gleichnamigen Buchhandlung wirklich gut gekannt zu haben, aber ich war dort während meiner Schulzeit Stammkunde gewesen. Herr Welsch war der Science Fiction immer recht zugetan und die Buchhandlung in diesem Genre gut bestückt. Eine Zeitlang konnte man dort auch Fanzines finden, und sogar GRIMOIRE, das Fanzine das Andreas Schweitzer und ich damals herausgaben, durften wir bei Herrn Welsch auslegen. Er verkaufte die Hefte für uns in seinem Laden, ohne dafür einen Teil des ohnehin bescheidenen Preises für sich zu behalten.
Insofern war ich zwar überaus dankbar aber auch nicht sonderlich überrascht, dass meine Frage, ob ich das Interview mit Herrn Eschbach in den Räumen der Buchhandlung führe dürfe, positiv beantwortet wurde. Man stellte uns sogar Getränke und den Aufenthalts- und Pausenraum der Mitarbeiter zur Verfügung, in dem wir das Interview vor Beginn der Lesung führen konnten. All dies, ohne eine Gegenleistung zu erwarten und mehr als die Buchhandlung schließlich namentlich in meinem Artikel zu erwähnen, konnte ich auch auch gar nicht tun.

Für mich war der bis dahin glatte Verlauf des Interviews eine weitere Bestätigung meiner Überzeugung, die mir bereits für GRIMOIRE so manchen Beitrag vergleichsweise renommierter Autoren eingebracht hatte: Fragen kostet nichts und tut nicht weh. Das Schlimmste was einem dabei passieren kann, ist, dass man ein “Nein” zu hören bekommt und auch dass nur sehr selten, wenn man nett fragt.

Andreas Eschbach jedenfalls hat seit diesem Interview einen Stein bei mir im Brett. Sicher, ich kannte bereits einige seiner Bücher. Die, die mir noch fehlten, hatte ich als Vorbereitung für das Interview gelesen. Einige davon mochte und mag ich sehr, andere etwas weniger, aber den größten Eindruck hat er auf mich als Mensch gemacht. Eschbach war in den späten 1990er und frühen 2000er Jahren in der deutschen SF-Szene ein Shooting Star. Anscheinend aus dem Nichts kommend heimste er einen Genrepreis nach dem anderen ein, und spätestens nach seinem dritten Roman, Jesus Video, war er ein richtiger Bestseller-Autor. Ich hatte ihn bereits ein- oder zweimal vorher auf Conventions erlebt und der oberflächliche Eindruck, den ich dort gewonnen hatte, bestätigte sich während unseres Interviews. Andreas Eschbach war erfrischend unprätentiös, auf dem Boden geblieben, sehr nett und geduldig mit einem wie mir, der das Journalistengeschäft doch nur als Amateur betrieb.

Ich beendete den Abend der Lesung mit einem guten Gefühl im Bauch und einer signierten Ausgabe von Eine Billion Dollar im Gepäck (inklusive persönlicher Widmung).

Der Schreck folgte im Nachhinein als ich die Aufnahme des Interviews auf meinem Diktiergerät überprüfte. Die Lüftungsanlage des fensterlosen Raumes, in dem ich das Interview geführt hatte, war offensichtlich auch dazu gedacht, dort eventuell versteckte Abhörgeräte zu stören. Unsere Stimmen auf dem Band waren fast völlig von Rauschen überdeckt. Glücklicherweise konnte mir ein tontechnisch begabter und technisch entsprechend ausgestatteter Freund helfen und die Aufnahme zumindest soweit zu säubern, dass sie für mich verwendbar wurde. (Ich bin Dir für alle Zeiten dankbar, Chris!)

Das Interview erschien schließlich unter dem (etwas sperrigen) Titel Phänomen Eschbach – ein Interview mit dem wohl aktuell erfolgreichsten deutschen Phantastik Autor in Heft 15 der NAUTILUS. Dies begründete meine sporadische Mitarbeit bei diesem Magazin über die nächsten Jahre. Lars Schiele, damals Redakteur beim Hamburger Abenteuermedien-Verlag, und damit der NAUTILUS, erinnerte sich an mich, als der ursprünglich vorgesehene Interviewer für den RingCon 2004 ausfiel. Was dann immerhin dazu führte, dass ich König Theoden die Hand schütteln und wiederum ein Jahr später auf der FedCon nur wenige Meter entfernt von Leonard “Mr Spock” Nimoy auf einer Pressekonferenz sitzen durfte. Aber das sind gänzlich andere Geschichten für einen anderen Tag…

Daher weckt dieses Bild, auch wenn es nun wirklich kein photographisches Meisterwerk ist, eine ganze Kette von positiven Erinnerungen und mahnt mich in Zeiten, in denen so gar nichts zu klappen scheint, dass es auch anders gehen kann – wenn man sich einfach traut und nett fragt. Was soll schon passieren?

 

 

 

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3 thoughts on “Fundstücke: Das (fast) verschollene Andreas Eschbach Interview

  1. Schöne Erinnerung.
    Ich habe damals gerade Solarstation von Eschbach gelesen und war von der Einstiegsszene schwer beeindruckt – Sex im Weltraum. 🙂
    Gibt es das Interview von damals noch irgendwo zu lesen?

  2. Ja, Solarstation fand ich auch gut.
    Den Interviewtext müsste ich mal suchen. Ich gehe davon aus, dass nach all den Jahre Jürgen Pirner nichts dagegen hätte, ihn hier zu veröffentlichen. Oder ich schicke ihn Dir direkt, falls ich ihn finde.

  3. Pingback: Andreas Eschbach im Interview, Oktober 2001 | A Kraftwerk Orange

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