Vom Sterben und der Macht der Symbole


ENGLISH TRANSLATION BELOW

Wir haben Angst vor dem Tod. Wir haben ihn aus unserer Sicht verbannt. Wir sterben in Krankenhäusern oder Altenheimen, umgeben von Maschinen, oft genug allein oder unter Fremden. Wer weiß denn schon noch, dass man einen Toten drei Tage im Haus lassen kann, damit Verwandte und Freunde sich verabschieden können?  Wer hält denn noch eine Totenwache? Wir überlassen die letzten Riten Bestattern, denn wir haben Angst davor, dass es irgendwie eklig sein könnte.
Ich bin kein religiöser Mensch mehr, doch die Bedeutung von Traditionen und die Macht von Symbolen ist mir bewusst.

Bild014_Neg.Nr.N14

Mein Großvater starb auf die altmodische Art. Er starb, als er sich dafür entschieden zu haben schien, dass es nach 90 Jahren und langer Krankheit endlich genug war. Er starb in dem Haus, das er eigenhändig mit seiner ersten Frau erbaut hatte. Der Pfarrer war in seinen letzten Stunden gekommen und meine Mutter hatte das Versehbesteck hervor geholt, dass noch von meiner Urgroßmutter stammte. Meine Mutter war bei ihm, die ganze Zeit, bis er schließlich eingeschlafen war. Sie wusch ihn und sie zog ihm seinen Anzug an, denn da, wo er herkam, werden die Männer in ihrem Anzug bestattet. Sie gab ihm das Sterbekreuz seiner Mutter mit. Dieses kleine Kreuz, mit dem geflickten Jesus, war über 100 Jahre alt und stammte aus seiner alten Heimat Schlesien. Es ist richtig und gut, dass es ihn begleitet hat. Ein Pfarrer in Polen las eine Messe für ihn; er wird 30 Tage danach eine weitere lesen.

Ich bin froh, dass ich am Tag davor noch einmal nach Hause bin. Er war nicht wach, als ich an seinem Bett saß, aber vielleicht hat er es gespürt. Wenn ich eines Tages gehe, hoffe ich, so gehen zu dürfen. Ich hoffe, dass jemand neben mir sitzen wird. Ich hoffe, dass jemand mich wäscht und mir meinen Anzug anzieht. Ich hoffe, dass mir jemand etwas mit auf die Reise gibt.

Of Dying, and the Power of Symbols

We are afraid of death. We have banished it from view. We die in hospitals and old-peoples’ homes, surrounded by machines, often enough alone or in the company of strangers. Who remembers that you can keep a loved one’s body three days at home, to give family and friends a chance to say good-bye? Who keeps a wake? We leave the last rites to undertakers, afraid that death might be something icky. I am not a religious person anymore, but I believe in the power of symbols. That has become clear to me.

My granddad died the old-fashioned way. He died when he seemed to have decided that it was enough after 90 years and long illness. He died in the house he had built with his own hands together with his first wife. A priest had come in his last hours and my mother had set up the cross, the candle holders, the cups for water, salt, and oil, which had belonged to my great-grandmother. My mother was with him all the time until he passed away into the final sleep. She washed him and dressed him in his suit, because, where he comes from, men are buried in their suits. She gave him the cross his mother held when she died. It was over a 100 years old and from Silesia, his old home. It is good and right that it accompanied him. A priest in his old home, now in Poland, read a mass for him. He will read another one 30 days after.

I am glad I went home the day before. He was not awake, but maybe he knew. When I go one day, I hope I can go like this. I hope someone will be sitting by my side. I hope someone will wash me and will dress me in my suit. I hope someone will give me something of significance to take along on my journey.

One thought on “Vom Sterben und der Macht der Symbole

  1. Mein herzlichstes Beileid, Carsten.

    Du hast recht, wir gehen sehr seltsam mit dem Sterben heutzutage um. Als mein erster Opa verstorben ist war ich noch zu klein, um das voll mitzubekommen, aber ich weiß, dass er im Krankenhaus starb. Aber zumindest in den Armen meiner Mutter. Als mein anderer Opa und meine letzte Oma starben war es dagegen auch “modern”, also leider doch irgendwie steril.

    Wie du würde ich mir für mich auch so einen letzten Weg wünschen, wie ihn dein Großvater nehmen konnte.

    Ich wünsche dir und deiner Familie alles Gute!

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s